Interpretation der Stilmittel

Die Bestimmung von rhetorischen Mitteln verlangt regelmäßiges Üben. Doch um einen Text gerecht deuten zu können, ist mehr als nur Übung und Wiederholung notwendig. Bearbeitet man einen literarischen Text, sollte man den Kontext der Zeit, die Besonderheiten der Literaturepochen sowie das Leben der Autoren nicht außer Acht lassen. Ein literarisches Werk ist ein Ergebnis aus den Beobachtungen und Erfahrungen aus dem Leben des Schriftstellers. Somit ist jedes Stilmittel auch in diesem Rahmen zu interpretieren. Das Leben einiger Meister der Rhetorik wird uns zeigen, dass Werke und die Erlebniswelt der Schriftsteller eng miteinander verbunden sind.

Johann Wolfgang von Goethe

Johann Wolfgang von Goethe gilt als einer der bedeutendsten und produktivsten Literaten um die Wende des 19. Jahrhunderts. Der weltbekannte Schöpfer der deutschsprachigen Dichtung zeigte in seiner schriftstellerischen Entwicklung eine kontinuierliche Veränderung und Umwandlung, was dazu führt, dass seine Werke unterschiedlichen Epochen eingegliedert werden. Zudem waren seine Schöpfungen und seine Lebensgeschichte eng miteinander verbunden. Goethe selbst erklärt in seiner Autobiographie „Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit“, wie Dichtung und seine persönlichen Erfahrungen in Wechselwirkung standen.

So werden zum Beispiel die jungen Jahre Goethes dem „Sturm und Drang“ angeordnet, der als Epoche gegen den erzieherischen Ansatz in der Literatur rebelliert und die Emotionen sowie die leidenschaftliche Ausdrucksweise in den Vordergrund rückt. Literatur soll nicht lehren und die Ideen der Aufklärung unter das Volk bringen, sondern die Gefühle und die Individualität eines Dichters darstellen. Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ gilt deshalb als Paradebeispiel dieser Zeit. Hier verarbeitet der Literat seine platonische Beziehung zu Charlotte Buff, die er 1772 in Wetzlar kennenlernte. Doch in der „Weimarer Klassik“ treffen wir auf einen anderen Goethe. Fasziniert von der Antike, kehrte der Dichter von seiner langen Italienreise zurück nach Weimar. Im Austausch mit Friedrich Schiller entstanden Werke, die Vernunft, Moral und Schönheit als Ideal an die Leser transferieren. Das Bühnenstück „Iphigenie auf Tauris“ ist ein typisches Werk aus dieser Zeit.

Alexander Puschkin

Alexander Puschkin war der Gründer der modernen russischen Literatur im 19. Jahrhundert. Die Schöpfungen des Nationaldichters werden in die Ära der Romantik eingeordnet, die die Ideen der Vernunft und der Aufklärung zur Seite legte. Wichtig war nun Seele und Mystik sowie die Natur- und Heimatliebe. Der Epos „Eugen Onegin“ und das Gedicht „Der eherne Reiter“ sind Werke, die die nationalen Emotionen und den aufsteigenden Patriotismus in der russischen Gesellschaft der damaligen Zeit meisterhaft darstellen.

Hinzukommt, dass Puschkins Werke deutlich sein privates Leben reflektieren. Ähnlich wie viele russische Literaturgrößen seiner Zeit, war er ein Lebemann, der Inspiration durch seine Reisen, Abenteuer und Liebschaften fand. So war er zum Beispiel ein leidenschaftlicher Kartenspieler, der sich oft verschuldete und nicht zögerte Hypotheken aufzunehmen. Seine Erfahrungen am Spieltisch verarbeitete er in seiner Kurzgeschichte „Pique Dame“, welche später von Tschaikowski als Oper komponiert wurde. Des Weiteren deuten seine Liebesgedichte auf seine zahlreichen Liebesaffären, wie das Gedicht „An Rodsjanko“, das der Memoiristin Anna Petrovna Kern gewidmet war.

Franz Kafka

Ein weiterer Meister der Weltliteratur ist Franz Kafka. Der Großteil seiner Schöpfungen wird dem Expressionismus zugeordnet, der im Kontext des frühen 20. Jahrhunderts das Leben in der Großstadt, Anonymität sowie Wahnsinn, Zerfall und Tod thematisierte. Kafkas Klassiker „Das Urteil“ und „Die Verwandlung“ sind typische Werke, die die pessimistische Stimmung dieser Jahre den Lesern gekonnt vor Augen führen.

Doch nicht nur seine Erzählungen, sondern auch seine privaten Hinterlassenschaften sind literarisch wertvolle Erzeugnisse, die sowohl das Leben im Europa in der damaligen Zeit, als auch Kafka als Person festhalten. Weltweit bekannt sind seine „Briefe an Milena“. Milena Jesenská war eine tschechische Journalistin und Schriftstellerin, die eine kurze aber prägende Liebesbeziehung zu Kafka führte, die hauptsächlich auf einem stetigen Briefwechsel beruhte. Ein weiteres schriftstellerisches Meisterwerk ist der „Brief an den Vater“, in dem sich Kafka mit seiner konfliktbehafteten Beziehung zu seinem Vater auseinandersetzte. Das beinahe autobiographische Stück schickte Kafka niemals an seinen Vater ab, aber blieb uns als eine großartige Hinterlassenschaft, die viel von Kafkas Persönlichkeit erzählt.

Ob Goethe, Puschkin oder Kafka, diese drei Meister der Rhetorik zeigen uns, dass die Ideen zu ihren Werken aus ihren eigenen Erfahrungen und Beobachtungen entspringen. Dies zeigt uns, dass auch rhetorische Mittel mit diesem Hintergrundwissen interpretiert werden sollte.

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